Saskia sitzt im Auto.
Vor einem Baumarkt.
Sie wollte nur eine Glühbirne kaufen.
„Ich bin gleich wieder da“, hat sie zu ihren Kindern gesagt.
Der Große passt auf die Kleinen auf.
Es dauert nicht lange.
Nur eine Glühbirne.
Aber Saskia sitzt im Auto.
Der Motor läuft nicht.
Sie kann nicht.
Nicht losfahren.
Nicht umdrehen.
Nicht zurück.
Durch die Windschutzscheibe sieht sie die Arbeiter.
Sie kommen aus dem Baumarkt,
ziehen ihre Jacken an,
zünden sich eine Zigarette an.
Die Lichter im Baumarkt gehen aus.
Die Lichter auf dem Parkplatz gehen an.
Es wird dunkel.
Saskia sitzt immer noch da.
Sie weiß, dass sie nach Hause fahren müsste.
Zurück in den Lärm.
Zurück in die Fragen.
Zurück in das Halten.
Zurück in dieses emotionale Gleichgewicht,
das jeden Tag wieder hergestellt werden muss.
Zurück in einen Care-Alltag,
der keine Pause kennt.
Sie weiß das alles.
Und trotzdem kann sie den Motor nicht starten.
Manchmal ist es nicht der Baumarkt.
Manchmal ist es nur die eigene Haustür.
Sie kommt von einer kurzen Besorgung zurück.
Stellt das Auto ab.
Bleibt sitzen.
Ein Lied läuft noch.
Sie hört es zu Ende.
Atmet tief ein.
Und noch einmal.
Oben am Fenster klebt ihr jüngstes Kind mit der Nase am Glas.
Es haucht kleine Wolken in die Scheibe.
Es klopft.
Dann lauter.
Dann ruft es:
„Mama!“
Es rennt die Treppe runter.
Reißt die Tür auf.
Rennt zum Auto.
Klopft an die Scheibe.
„Mama.
Da bist du ja endlich.
Mama, bist du da?“
Und Saskia steigt aus.
Wie immer.
Denn wenn sie nicht da ist –
wer ist es dann?
Ich war diese Saskia.
Ich.
Obwohl ich Pädagogin bin.
Obwohl ich psychologisch gebildet bin.
Obwohl ich Menschen berate.
Obwohl ich für viele Menschen Halt bin.
Struktur gebe.
Orientierung.
Ein Leuchtturm.
Ich weiß, wie Selbstregulation funktioniert.
Ich weiß, wie Systeme wirken.
Ich weiß, wie man Grenzen setzt.
Und trotzdem
saß ich im Auto
und konnte den Motor nicht starten.
Weil Wissen nicht entlastet,
wenn die Last real ist.
Weil Kompetenz nicht schützt
vor Erschöpfung.
Weil auch Leuchttürme
Energie brauchen.
Ich bin alleinerziehende Mutter von drei Kindern.
Ich arbeite.
Ich halte Termine, Gespräche, Emotionen.
Ich vermittle zwischen Schule und Kind.
Zwischen Vater und Sohn.
Zwischen System und Alltag.
Ich halte Struktur.
Ich halte Hoffnung.
Und ich funktioniere.
Aber heute, am Frauenstreiktag,
sage ich nicht: Ich kann nicht mehr.
Ich sage:
Enough.
Genug davon,
dass Care-Arbeit unsichtbar bleibt.
Genug davon,
dass emotionale Arbeit selbstverständlich ist.
Genug davon,
dass Frauen funktionieren müssen,
auch wenn sie längst erschöpft sind.
Ich komme aus einer Linie von Frauen,
die getragen haben.
Ohne Pause.
Ohne Applaus.
Und nein –
das ist kein Kampf gegen Männer.
Das ist kein Gegeneinander.
Viele Männer waren selbst gefangen
in Rollen aus Pflicht, Arbeit und Schweigen.
Und auch andere Frauen leben andere Wege.
Darum geht es nicht.
Es geht um Gemeinschaft.
Es geht darum,
Strukturen sichtbar zu machen,
die auf wenigen Schultern liegen.
Isolation ist das Problem.
Unsichtbarkeit ist das Problem.
Unausgesprochene Last ist das Problem.
Ich wünsche mir eine Gemeinschaft,
die trägt.
Eine Gemeinschaft,
die Sicherheit schafft.
Eine Gemeinschaft,
in der Verantwortung geteilt wird.
Und ich wünsche mir noch etwas.
Ich wünsche mir,
dass die Frauen ihre Stimme erheben,
die eine Stimme haben.
Dass die sprechen,
die sprechen können.
Dass die sichtbar sind,
die sichtbar sein dürfen.
Denn viele Frauen auf dieser Welt
haben keine Stimme mehr.
Und wenn wir eine haben,
dann ist sie nicht nur privat.
Dann ist sie politisch.
Dann müssen wir aufstehen.
Dann müssen wir laut sein.
Nicht gegeneinander.
Sondern füreinander.
Vielleicht sitzt sie im Auto.
Vor einem Baumarkt.
Und kann den Motor nicht starten.
Vielleicht sitzt sie an einer Bushaltestelle
und lässt den Bus vorbeifahren.
Einen nach dem anderen.
Vielleicht steht sie am Gleis.
Der Zug fährt ein.
Die Türen gehen auf.
Die Türen gehen zu.
Und sie steigt nicht ein.
Nicht, weil sie schwach ist.
Sondern weil sie weiß,
was sie erwartet, wenn sie ankommt.
Funktionieren.
Halten.
Weiter.
Und ich wünsche mir,
dass keine Frau mehr allein
an dieser Schwelle sitzt.
Dass wir Strukturen schaffen,
in denen sie einsteigen kann,
ohne sich selbst zurückzulassen.
Dass wir Gemeinschaft bauen,
die trägt.
Damit der Motor nicht mehr
aus Erschöpfung stumm bleibt.
Damit der Bus nicht mehr
aus Angst vorbeifährt.
Damit der Zug nicht mehr
an uns vorbeirauscht,
während wir still stehen.
Ich wünsche mir,
dass wir einander zurufen:
Du musst das nicht allein.
Und wenn wir eine Stimme haben,
dann erheben wir sie.
Nicht aus Wut.
Sondern aus Verantwortung.
Damit keine von uns
allein im Auto sitzen bleibt.
Damit keine von uns
am Gleis zurückbleibt.
Damit wir gemeinsam ankommen.
Enough.
Gedanken zum Frauenstreiktag am 09.03.2026 von Kirsten Brandt
