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Worte finden für etwas, das mich sprachlos macht

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Es ist März. Ein sonniger Start in diesen Monat. Am Freitag dröhnen Beats durch den Musiksaal der Gemeinschaftsschule. Vierundzwanzig Kinder bewegen sich frei im Raum zu einem Rhythmus, verbinden sich zu einem tanzenden Körper. Siebzehn von den 12- und 13-Jährigen haben Migrationshintergrund, sprechen auch eine andere Muttersprache als Deutsch.

„FREEZE!“, rufe ich und die Schüler*innen bleiben stehen, wackeln, lachen – dann startet die Musik erneut und wir gehen im Takt. Das ist meine Schulfamilie – so nenne ich sie. Wir lachen, lernen und ja, es gibt auch Konflikte, die wir lösen. Immer zusammen, auf Augenhöhe, respektvoll, menschlich. Es ist die letzte Schulstunde des Tages und nach dem Musikunterricht verlassen wir beschwingt das Schulgebäude. „Schönes Wochenende noch, Frau Brandt!“. „Dir auch!“.

Samstag. Ich laufe mit meiner Hündin am frühen Morgen einen kleinen Hügel hoch. Seit langem höre ich wieder Jazz. Mein Gesicht strahlt in der hellen Sonne. Ich bin zum ersten Mal in diesem Jahr ohne Weste unterwegs mit freien Armen. Trotz des Morgens ist der Wind schon sanfter und warm, weich. Ich freue mich an dem Tag und komme oben am Plateau an, das über meine Heimatstadt blickt. Ich tanze ein wenig zur Musik in meinem Ohr und versuche, nicht über die Hundeleine zu stolpern. Ein kleiner Schmetterling steigt aus dem Gebüsch am Wegesrand auf und tanzt sein eigenes Lied im Flug.

Auf der einen Seite des Plateaus ist ein großes Kreuz aus Metall zu sehen. Auf der anderen Seite, da wo die Bänke stehen und ich einen Schluck Kaffee trinken möchte, ist ein Mahnmal, das an die Zeit der jüdischen Verfolgung hier in meiner Stadt erinnert. Es gibt 6 solcher „Orte gegen das Vergessen“ hier, sagt das Schild. Letze Woche stand vor diesem Gedenksymbol ein Strauß frischer Frühlingsblumen und eine Kerze.

Heute stimmt etwas nicht. Ein Geruch drängt sich in meine Nase. Der Geruch ist dunkel und falsch. Er passt für mich nicht zu diesem Ort, dem Schmetterling und der in Sonne getauchten Stadt unter mir. Ein schwarzer Fleck hat sich breit und breiig am Fuße des Denkmals ausgebreitet, ein großer Haufen Kot. Ein Hund war das nicht. Der Geruch und das Aussehen, verrät etwas anderes. Ein Teil der Fäkalie ist an das Denkmal geschmiert – von Menschenhand.

Ich ziehe meine Hündin weg von der Stelle. Plötzlich ist der Wind kalt. Ich fröstle und stoppe die Musik, stehe da. Meinen Kaffee mag ich nicht mehr trinken. Unzählige Gedanken gehen mir im Kopf herum.

ICH HABE KEIN VERSTÄNDNIS.

Dann gehe ich den Weg weiter, ich möchte dort nicht mehr die Aussicht genießen. In mir drin ist es grau. Langsam gehe ich den gleichen Weg zurück. Es sind kaum mehr Farben da.

Hinweis:

Noch vor Ort habe ich versucht, mit einer Mitarbeiterin des Adolf-Bender-Zentrums in meiner Stadt Kontakt aufzunehmen. Da sie gerade am Samstagmorgen früh nicht erreichbar war, habe ich die Polizeidienststelle vor Ort angerufen und den Vandalismus und die Schändung angezeigt. Dort erklärte man mir, dass diese schon gemeldet worden war. Auch meine Kontaktperson beim Adolf-Bender-Zentrum bestätigte dies und leider auch, dass es in diesem Jahr schon der vierte Vorfall dieser Art war. In den örtlichen Medien – nichts. Schweigen. Antisemitismus in unserer Stadt? Rassismus? Hass? WIR doch nicht! Meine Stadt? Sankt Wendel. Nur eine von vielen in Deutschland zur Zeit.

Ich lasse das nicht stehen. Ich antworte auf diese Tat auf meine Art, mit meinen Worten. Die hast du auch.

Kirsten Brandt, 07.03.2026

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