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Growth Mindset im Zeitalter der KI

Wie wir Lernende bleiben, wenn die Maschine schneller ist

Heute in der Lehrkräftefortbildung in Luxemburg, bei Modul 1 „Ein Growth Mindset in Schule etablieren“, entstand eine Frage, die mich nicht mehr losgelassen hat. Wir sprachen über Herausforderungen, über das Wachsen an Schwierigkeiten und darüber, wie Schule ein Entwicklungsraum werden kann.

Eine Teilnehmerin fragte dann: „Wie geht das eigentlich im Zeitalter der KI, wenn uns künstliche Intelligenz doch so viele Lösungen liefert?“

Diese Frage blieb im Raum. Wir haben gemeinsam darüber reflektiert und auf der Heimfahrt im Auto spürte ich, dass sie noch nachwirkt. Ich wollte weiterdenken, tiefer schauen. Denn die Frage berührt etwas Grundsätzliches:

Wie können wir wachsen, wenn alles plötzlich so leicht geworden ist?

Es ist leicht geworden, Antworten zu finden. Eine Frage eintippen, eine Sekunde warten und schon liegt sie da: die perfekte Lösung. Doch das, was uns wachsen lässt, entsteht nicht in der Antwort.

Es entsteht im Dazwischen.

In dem Moment, in dem wir selbst denken, zweifeln, spüren. Künstliche Intelligenz kann Texte schreiben, Ideen sortieren, Fehler vermeiden. Aber sie kann nicht lernen. Sie kann nur wiedergeben, was schon da ist. Wir Menschen lernen, wenn wir uns trauen, etwas nicht sofort zu wissen.

Lernen heißt nicht: wissen.

Lernen heißt: verstehen.

Ein Growth Mindset erinnert uns daran, dass wir wachsen, wenn wir uns Herausforderungen stellen. Wenn wir nicht aufgeben, wenn etwas schwer ist. Aber was passiert, wenn das Schwere plötzlich verschwindet? Wenn die Maschine uns jeden Umweg abnimmt?

Dann braucht es neue Formen des Mutes:

den Mut, selbst zu denken, obwohl die Antwort schon da ist.

den Mut, zu prüfen, zu hinterfragen, zu vertiefen.

den Mut, eigen zu bleiben.

KI als Spiegel, nicht als Abkürzung

Wenn Schüler:innen KI nur nutzen, um Aufgaben zu lösen, bleibt Lernen flach. Doch wenn sie beginnen, die Antworten zu hinterfragen, dann wird KI zu einem Spiegel und zeigt, wie sie denken. Sie können sich fragen: „Was an dieser Antwort fühlt sich richtig an?“

„Was fehlt?“

„Wie würde ich das sagen?“

So entsteht etwas, das keine Maschine kann:

Bewusstsein.

Und aus Bewusstsein wächst Verantwortung.

Herausforderung bleibt, sie verändert nur ihr Gesicht

Früher lag sie im Finden von Informationen. Heute liegt sie im Verstehen, Werten und Gestalten. Die Frage ist nicht mehr: Was ist richtig? Sondern: Was bedeutet das für mich?

Wachstum heißt heute, nicht die schnellste Antwort zu suchen, sondern die eigene Stimme zu behalten.

Wenn alles leicht wird, dürfen wir Tiefe suchen. Ein Growth Mindset zeigt sich auch dann, wenn wir uns bewusst nicht mit der ersten Lösung zufriedengeben. Wenn wir nach dem Sinn suchen, nach dem, was uns weiterbringt. Nicht die KI nimmt uns das Wachstum. Sondern der Moment, in dem wir aufhören, uns selbst herauszufordern.

Zwei Beispiele aus der Praxis

1. „Die KI weiß, aber was weiß ich?“

(Reflexionsaufgabe zu Textverständnis oder Sachthemen)

Ablauf: Die Schüler:innen geben eine Aufgabenstellung in ChatGPT oder eine schulische KI-Anwendung ein, z.B.: „Erkläre den Klimawandel für eine 7. Klasse.“

Sie lesen die Antwort und markieren Stellen, die sie verstehen, nicht verstehen oder hinterfragen. Anschließend bearbeiten sie den Arbeitsauftrag:

Welche Begriffe oder Zusammenhänge möchte ich genauer verstehen?

Wo könnte die KI etwas Wichtiges ausgelassen haben?

Wie würde ich den Text in meinen eigenen Worten erklären?

Ziel: Schüler:innen lernen, nicht nur zu konsumieren, sondern zu prüfen, zu bewerten und selbst zu formulieren. Sie entwickeln Metakompetenz, das Bewusstsein, wie sie denken und lernen.

2. „KI als Schreibcoach“

(Kreative Aufgabe zur Sprachentwicklung und Selbstwirksamkeit)

Ablauf: Schüler:innen schreiben den Anfang eines Textes selbst: eine Einleitung, eine Beschreibung, eine Szene. Dann lassen sie KI drei verschiedene Fortsetzungen vorschlagen mit dem Auftrag: „Gib mir drei kreative Fortsetzungen für diesen Text.“

Sie vergleichen:

Welche Variante gefällt mir am besten und warum?

Was würde ich ändern, um meine Idee besser auszudrücken?

Wie unterscheidet sich mein Stil vom KI-Stil?

Ziel: Statt sich ersetzt zu fühlen, erleben Schüler:innen, dass die KI Inspiration statt Lösung sein kann. Sie lernen, die Qualität von Texten einzuschätzen, ihren eigenen Stil zu finden und selbstbewusst zu sagen:

„Das ist mein Gedanke, so würde ich das schreiben.“

Mensch bleiben neugierig, unvollkommen, schöpferisch

Vielleicht ist das die wichtigste Aufgabe von Schule heute:

Schüler:innen darin zu bestärken, mit KI zu denken, aber nicht durch sie.

Lernen bleibt ein zutiefst menschlicher Prozess.

Ein Raum voller Fragen, voller Umwege, voller Neugier. Und vielleicht liegt genau darin unsere Zukunft: dass wir uns nicht überholen lassen, sondern bewusst wachsen, in einer Welt, die immer schneller wird.

Wachstum im Zeitalter der KI

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