(Hinweis: Andeutung von sexuellen Übergriffen | traumatisierende Erlebnisse werden beschrieben im Text)
Hier lese ich dir den Text vor. Den 2. Teil findest du an der passenden Stelle unten.
Ich ging heute mit meinem Hund spazieren und fand mich zufällig an einer Mariengrotte hier in Sankt Wendel wieder. Jedes Mal, wenn ich zu solchen Gedenkstätten komme, denke ich an meine Großmutter Maria Anna. Aber heute war’s anders, denn ich betrachtete die Marienstatue in einer Grotte unter den schönsten, saftig grünsten Bäumen der Umgebung und spürte nicht nur einen tiefen inneren Frieden und eine Verbundenheit mit ihr, sondern plötzlich ging mir ein Licht auf:
Ich glaube, meine Großmutter väterlicherseits hatte maßgeblich einen großen Einfluss auf mein Wachstumsdenken.
Krieg und Kindheit
So hatte ich das bis jetzt noch nie betrachtet! Denn Maria Anna war eine „einfache“, sehr gläubige Frau. In den 1930er Jahren geboren, erlebte sie nicht nur in ihrer eigenen Familie als Mädchen und junge Frau Gewalt, Ausbeutung und Erniedrigung. Sie war Zeugin und vielleicht Opfer von sexuellen Übergriffen, als sie als Geflüchtete eine zeitlang mit ihrem jüngeren Bruder während des Zweiten Weltkrieges auf dem Land lebte. Sie erzählte später als demente Frau immer wieder Bruchstücke von diesen Fällen, die sie gesehen oder selbst erlebt hatte. Daraus entwickelten sich Ängste in ihr die später in eine Flucht in Gedankenwelten und starken Glauben, wahrscheinlich als Abspaltung und Kompensation, mündeten. Als ich ein junges Kind war, hat sie mir zum Beispiel erzählt, wie gerne sie eine Nonne wäre, weil der einzige „Mann“, den man vertrauen könne, Jesus sei.
Glaube und Gesang
Ich wuchs in einem Haushalt mit ihr auf und verbrachte einige Zeit mit ihr als Kind. Ich weiß noch, dass sie mir in ihrer einfachen Art, wenn es ein Problem gab erzählte, wie sehr Maria ihr helfen würde und dass sie deshalb wisse, dass sie alles schaffen und überwinden könne. Mit Maria meinte sie die Gottesmutter Maria, zu der sie täglich betete. Als kleines Kind, wahrscheinlich noch bevor ich überhaupt zur Schule gegangen bin, glaubte ich ihr das und übernahm diesen Satz in mir. Meine Oma war so sehr überzeugt davon, dass ihr Glaube und ihre Gebete zu Maria, ihr die Kraft geben alles zu schaffen, dass ich dies eine zeitlang auch tat. Was sie damals Glauben nannte, würden wir heute vielleicht als starkes Mindset bezeichnen. Aber für uns beide war es vor allem eins: ein innerer Halt. Es war eine Art Geheimcode, den ich von ihr übernommen hatte und den ich mir in schwierigen Situationen oft innerlich vorsagte.

Eine weitere große Leidenschaft und Liebe hat sie an mich weitergegeben: das Singen. Nachdem der Krieg zu Ende war und die junge Maria Anna als unbezahlte Friseurin im Betrieb ihrer Eltern arbeitete, entdeckte sie ihre Leidenschaft für das Tanzen und Singen. Sie ging sonntags auf einen Tanztee und fand dort ihre große Liebe, meinen Großvater. Mir erzählte sie immer, dass sie Tänzerin und Sängerin sei! Dabei machte sie zu der Zeit, als ich ein Kind in ihrem Haushalt war, viele verschiedene niedrig bezahlte Hilfsjobs. Aber ich glaubte ihr TOTAL, dass sie Tänzerin und Sängerin sei – denn wann immer ich zu ihr oben in die Wohnung ging, sah ich sie singend und tanzend bei der Hausarbeit. Für mich war sie anmutig und elegant. Ihre Stimme war wunderschön.
Später, als mein Großvater verstorben war nach langer schwerer Krankheit, ging sie in den örtlichen Kirchenchor. Dort war sie die Frau aus der Stadt, eine kleine Diva. Sie sang als Sopran und nahm mich manchmal mit zu den Proben. Aber auch wenn ich zu den Konzerten in die Kirche ging, hörte ich immer ihre Stimme heraus und für mich war es eine ganz besondere Stimme, einer ganz besonderen Person und ich war stolz ihre Enkelin zu sein. Es schien ein bisschen so, als sei sie aus einem der alten Filme gefallen, die singende und tanzende Diva, die Frau mit Pariser Mode, die in einem kleinen saarländischen Dorf im Kirchenchor brillierte und da gar nicht hinzugehören schien.
Aber warum schreibe ich das? Was interessant war, dass meine Oma Maria Anna nach ihrem Tod genau dafür bekannt war: Nicht nur die Pfarrerin, die ihre Grabrede hielt, nein, auch die Menschen der Gemeinde erinnerten sich an sie als DIE Sängerin, als die Person, die bei Wind und Wetter hoch betagt zu Fuß in die Kirchenchorprobe gegangen war und deren Stimme sie bis zuletzt nicht verlassen hat. Sie hat so stark daran geglaubt und täglich getanzt und gesungen, so dass sie am Ende zudem wurde, was sie sich immer für sich selbst gewünscht hatte und so wie sie sich selbst fühlte – als Sängerin. Sie hat sich dadurch ihre Würde bewahrt, die ihr in vielen Situationen von Menschen und besonders Männern, scheinbar genommen worden war.
Hier geht es weiter mit dem 2. Teil der Audio-Version:
Der Krebs und das Wunder
Aber noch ein weiterer wichtiger Punkt möchte ich über meine Oma erwähnen. Als sie über 80 Jahre alt war wurde bei ihr eine Krebsart diagnostiziert. Der zuständige Arzt erklärte meinem Vater und seiner Schwester, dass ihre Mutter wahrscheinlich nur noch wenige Monate zu leben hätte, weil dieser Krebs sehr aggressiv wäre, sich im ganzen Körper verteilte. Zu diesem Zeitpunkt war meine Großmutter schon leicht dement und obwohl sie wusste, dass sie krank war, glaubte sie nicht daran. Sie traf sich jeden Tag mit einer gleichaltrigen Freundin aus dem Ort und betete zu Maria. Sie war 100-prozentig davon überzeugt, dass sie die Kraft hat, diesen Krebs zu besiegen. Natürlich bekam sie auch eine medizinische Unterstützung und Chemotherapie. Alle waren überzeugt, dass die Nebenwirkung für sie zu viel sein würden, weil sie schon sehr alt und geschwächt war.
Und trotzdem, wenn ich sie besuchte (zu dem Zeitpunkt wohnte ich etwas weiter weg), fand ich diese krebskranke Frau genau so vor wie immer zuvor: Sie staubsaugte tanzend und singend im Wohnzimmer (das natürlich blitzblank war weil, sich andere Menschen darum täglich kümmern). Sie erzählte mir dann, dass ihre Freundin täglich zu ihr kam um mit ihr zu beten. Aber nicht, weil sie selbst so krank war, sondern sie betete mit ihrer Freundin, damit diese es leichter hätte mit dem Verlust umzugehen. „ Ich habe nämlich die Kraft, diesen Krebs zu überstehen. Ich weiß in mir drin, dass ich nicht krank bin.“, sagte sie mir mit voller Inbrunst an einem dieser Nachmittage an dem ich sie besuchte.
Natürlich war jeder der Meinung, dass dies die Demenz sei, die stärker voranschreiten würde und sie ihre Krankheit verdrängen würde. Die Menschen in ihrem Umfeld verabschiedeten sich quasi schon von ihr. Bei einem Arztbesuch wurden meine Eltern von dem Arzt herein gerufen und niemand konnte glauben, dass nach einigen Monaten meine Oma mit über 80 Jahren vollkommen vom Krebs geheilt war. Sie erlebte das Weihnachtsfest in diesem Jahr mit uns, was ihr niemand prognostiziert hatte. Natürlich war sie geschwächt durch den Krebs, aber sie lebte danach noch weit bis zur über ihren 90. Geburtstag hinaus viele Jahre weiter.
Ihre letzten Jahre verbrachte sie in einem Pflegeheim. Auch dort besuchte ich sie und fand immer eine singende, herzliche Frau vor, die den anderen Mitbewohnern und Angestellten dort den Tag mit Freude zu füllen versuchte. Einmal sagte sie zu mir: „ Ich bin ja nur hier, weil sie meine Unterstützung brauchen!“. Und so verhielt sie sich! Zusammen sangen wir auf dem Flur im Pflegeheim ihre liebsten Lieder und ich spielte Sansula für die Menschen dort.
Ihr Vermächtnis in mir
Auch wenn ich sie sehr liebte, war mir bis heute nicht bewusst, was für eine wichtige Rolle als Vorbild sie in meinem Leben gespielt hatte. Sie hat immer an das Gute geglaubt, sie hat in den Situationen, die wirklich herausfordernd waren, nicht aufgegeben. Sie hat die Kraft, die sie aus ihrem Glauben gezogen hat, aus ihrem starken Mindset, an andere weitergegeben. Sie hat Licht und Liebe durch ihren Gesang in das Leben vieler Menschen gebracht, obwohl sie oft durch das Dunkel gegangen ist.
Du mögest jetzt sagen, als wertschätzende/r Leser:in, dass dies vielleicht eine Art People Pleasing als Kompensation für ihre Traumata war. Ja, so könnte man das sicherlich lesen, aber das hier ist kein psychologischer Bericht, sondern eine Ode an meine Oma, deren Worte: „Du schaffst das. Glaube an dich und das, was in dir ist!“, als ein Mantra in mir wirkten. Und deren Licht ich als Beispiel in die Schulen trage! Ich bin auch Sängerin, wie einige von euch vielleicht wissen und habe auf einigen Bühnen gesungen und eigene Musik gemacht. Aber noch viel mehr bin ich „Lichtträgerin“ in diesem Bildungssystem und leuchte für die Menschen, die ich begleite, mit meiner eigenen Art. Ich habe auch eine Vision, an die ich fest glaube: Die Bildungslandschaft zu einem menschlicheren Ort zu machen, in dem Haltung und Herz zählen. Und ich weiß, dass unsere Visionen Wirklichkeit werden können! Das hat ihr Leben mich gelehrt.
Danke, Maria Anna für deine Geschichten und deine Inspiration, deinen Glauben und deinen Klang.

