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Was der Garten mich lehrt – Growth Mindset in Aktion

Ein Herz für Wachstum

Es ist Ostersamstag, und in meinem Garten liegt noch sehr viel Grünschnitt. Vor einiger Zeit habe ich angefangen, mich um die Gestaltung und Pflege meines Gartens zu kümmern. Vorher, muss ich gestehen, haben mir dabei meine Partner und auch meine Eltern geholfen. Mit drei kleinen Kindern damals, war ich erleichtert, diese Arbeiten an andere abzugeben – an mir blieb dann häufig Haushalt und Wäsche hängen, neben meinen Tätigkeiten als Lehrerin.

Doch, ich wäre nicht die Tochter meines Vaters, wenn mich nicht solche „gröberen“ Tätigkeiten viel mehr reizen würden. Mein Vater, selbst Handwerker, hat zwei Töchter, denen er beigebracht hat, wie man oder Frau einen Reifen wechselt und welche Werkzeuge man für welche Tätigkeit verwendet. Allerdings muss ich gestehen, dass er als Mann Jahrgang 1952 selbst mit einem sehr starken Rollenverständnis für Männer und Frauen aufgewachsen war. Ab der Pubertät sah er mich als klassische Frau an und schickte mich aus der Werkstatt in die Küche oder an den Schreibtisch. Meine Eltern gehören zu einer anderen Generation, und so ist es für sie auch vollkommen normal, dass sie heute zu einer frisch getrennten, allein-erziehenden Mutter sagen: „Oh Gott, wie sollst du denn das alles schaffen, besonders mit dem Garten, ohne Mann?“. Also gab es einige Glaubenssätze aus meiner Sozialisation, die ich überwinden durfte. Das war der erste Schritt: Ist das wirklich wahr, dass Frauen nicht grobe Arbeit im Garten verrichten können?

Denn es war so, dass mein letzter Partner nicht unbedingt die Person war, die bei uns im Garten gearbeitet hat. Wie gesagt, ich liebe, gröbere Arbeiten und arbeite besonders gerne mit Werkzeugen. So schickte ich ihn samstags zum Einkaufen oder in den Wäschekeller, um dann selbst mit der Heckenschere und einem guten Hörbuch auf den Ohren die Hecken ums Haus zu schneiden. Anfangs benutzte ich dazu noch Werkzeuge, die ich mir von meinem Vater auslieh. Aber irgendwie lief es nicht so ganz rund, denn die Werkzeuge waren einfach zu schwer für mich und im Handling schwierig. Ich wollte schon aufgeben, aber das liegt nicht in meiner Art. Ich wollte das Problem an der Wurzel packen! Also recherchierte ich und guckte mir Tutorials im Internet an. 

„Es gibt doch so viele Frauen, die schwere Gartenarbeit erledigen, da muss doch auch die richtigen Werkzeuge und Techniken dafür geben.“, sagte ich mir. 

Also guckte dich mir ein paar Tipps und Tricks im Internet an und entschied dann, einfach in den Baumarkt zu gehen und dort die Leute zu fragen. Ich überwand meine Scheu und stellte konkrete Fragen, die mir vorher in der Praxis gekommen waren. Ich erklärte ihnen, dass ich so gerne im Garten arbeite, vor allen Dingen Hecken schneide, aber die Maschine viel zu schwer für mich sei. Ich hatte schon ein bisschen Angst, dass ich ein wenig belächelt und nicht ernst genommen würde, das ist mir nämlich bei einem anderen Bauprojekt schon einmal passiert. Dort war ich vor ein paar Jahren an einen Mitarbeiter in der Farbenabteilung geraten, der mich sexistisch und misogyn behandelt hatte.

Aber es lohnte sich, mich zu überwinden und dieses Mal meine Angst zu besiegen. Denn ich fand einen wirklich guten Fachberater, der mein Anliegen ernst nahm und mich auch verstand. Ich erwarb so eine Auswahl von guten, einfachen und effektiven Werkzeugen für mich, die zu meiner Körpergröße und verfügbaren Kraft passten.

Die richtigen Werkzeuge, Tools helfen uns, uns weiter zu wickeln und unsere Ziele zu erreichen. So hatte ich schon bald Erfolgserlebnisse und konnte darauf aufbauen. Auch wuchs mein Wissen, um die richtige Wahl des Werkzeugs im Laufe der Zeit und ich konnte somit auch selbstständig meinen Tool-Kasten erweitern.

Aber noch einmal zurück zum Anfang: Als ich in der ersten Saison die Hecken schnitt, die eine natürliche Hecke aus verschiedenen, regionalen Büschen und Gehölzen ist, fing ich mir unzählige Splitter ein, und meine Arme waren zerkratzt aufgrund der vielen Dorn. Ich sah aus, als hätte ich mit einer Horde wild gewordene Katzen gekämpft! In der Schule sprachen mich Kolleg*innen an, und auch Schüler*innen waren ganz erschreckt und fragten mich, ob meine Katze mich angegriffen hätte. Ja, ich hatte zwar in gute Werkzeuge, aber weniger in Arbeitskleidung und gute Arbeitshandschuhe investiert. Das war natürlich erst einmal frustrierend, aber auch hier war es eine Lernaufgabe und somit passte ich meine Kleidung und auch meine Arbeitsweise an. Einige Jahre später merke ich nun, wie ich viel achtsamer im Umgang mit diesen Gehölzen, Ästen und Dornen bin. Ich habe es zwar mit Schmerzen gelernt, aber meine Technik seit her jedes Jahr verbessert. Denke jetzt bitte nicht, dass ich eine Gartenfee gewesen wäre. Mein Garten sieht auf keinen Fall so aus! Er ist ein Never-Ending-Project und manchmal besser in Schuss – manchmal ein wenig chaotischer!

Ich nutze auf jeden Fall den Flow, wenn ich Lust habe, im Garten etwas zu tun. Dann ist der erste Schritt zwar manchmal schwierig, wenn ich dann aber ins Tun komme, finde ich eine große Freude daran. Wenn die äußeren Rahmenbedingungen stimmen und ich nicht unterbrochen werde, dann fällt es mir leicht, ein Projekt abzuschließen. Ich sehe das Wachstum und heute, in diesem konkreten Fall sehe ich, das der Grünschnitt von der Wiese auf den Hänger verladen ist und ich ein großes Stück geschafft habe. Darauf bin ich stolz und bevor ich meinen Hänger anhänge, den Grünschnitt zur Deponie fahre, gönne ich mir die „Pause“ um diesen Blogeintrag für dich zu schreiben. Du fragst dich vielleicht, was das alles mit einem Gowth Mindset zu tun hat?

Egal ob im Leben oder in unserem Berufsalltag, finde ich es wichtig, als Lehrkraft immer wieder mein Mindset zu hinterfragen. Ich kann nicht von meinen Schüler*innen erwarten, dass sie meine Impulse umsetzen, wenn ich sie nicht selbst in meinem Alltag implementieren. Ich erfahre so immer wieder, wo die Hürden sind und kann somit auch meine Schülerinnen besser beraten. ich kann Ihnen diese Lernbegleitung sein, die ich selbst in meiner Recherche zu Gartenarbeit gefunden habe. Ich kann Ihnen ein praktisches Beispiel aus meinem Alltag geben und ihnen somit anschaulich verdeutlichen, wie wichtig es ist, die richtigen Werkzeuge zu haben und einzusetzen, hierbei auch seine Fähigkeiten und äußeren Gegebenheiten gut zu kennen, damit Erfolg gelingen kann. Ich darf Fehler machen und diese vielleicht auf meinen zerkratzten Armen auch anderen zeigen. Und dann darf ich daraus lernen, nachjustieren, mich besser ausrüsten und achtsamer meine Arbeitsschritte ausführen. In diesem Prozess habe ich auch auf Expertenwissen zurückgegriffen, ich habe mir selbst Fragen gestellt zum Thema und nach Informationen und Antworten gesucht. Somit kam ich in die Selbstwirksamkeit. Es war auch durchaus wichtig, Begleitern zu vertrauen und ihr Expertenwissen für mich zu nutzen. Ich habe auf vorhandenen Wissen aufgebaut, den Skills, die ich als Kind gelernt hatte, aber bin dort nicht stehen geblieben. Ich musste zuerst Glaubenssätze hinter mir lassen, dass ich etwas nicht kann und somit über mich hinaus wachsen und dann an mich und meine Fähigkeiten glauben. Wenn ich heute in einem Projekt an eine Grenze stoße, dann habe ich viel mehr Vertrauen in mich selbst und meine Fähigkeiten und weiß, dass es sich lohnt, dran zu bleiben, weiter zu machen, nicht aufzugeben. Die richtigen Schritte führen mich Stück für Stück zum Ziel! Auch wenn es vielleicht manchmal nur ein Etappenziel ist.

Vom Gärtner und dem Garten können wir somit sehr viel über das Growth Mindset und unser eigenes Wachstum lernen. Deshalb habe ich dies noch einmal kompakt für dich zusammengestellt:

🌿 Was wir vom Gärtnern über das Lernen lernen können

„Wissen wächst, wenn man es pflegt.“

🌱 Jeder Mensch trägt einen Samen in sich

  • Deine Interessen, Talente und Neugier sind wie ein Samenkorn.
  • Wo willst du es einpflanzen? Was willst du lernen?

☔️ Lernen braucht Pflege

  • Mit Übung, Geduld und Wiederholung gießt du deinen Lernbaum.
  • Fehler sind kein Unkraut – sie gehören zum Wachstum dazu!

☀️ Motivation ist wie Sonnenlicht

  • Ohne Licht kein Wachstum: Such dir Dinge, die dich begeistern!
  • Austausch mit anderen lässt deinen Garten strahlen.

🌻 Jeder Garten ist einzigartig

  • Nicht alle Pflanzen wachsen gleich schnell – und das ist okay.
  • Vielfalt macht deinen Lern-Garten spannend und stark.

🧑‍🌾 Du bist der Gärtner deines Wissens

  • Du entscheidest, was du pflanzen und pflegen willst.
  • Verantwortung, Geduld und Freude führen zum Erfolg.

🪏 Expertenwissen und passende Werkzeuge 

  • Scheue dich nicht um Hilfe zu fragen.
  • Nutze passende Tools, die auf deine eigene Situation angepasst sind.

Nimm dir Zeit für deinen Lern-Garten. Er wird wachsen – in deinem Tempo.

Diese Übersicht kannst du (kostenfrei) für deine Schüler*innen als PDF-Datei bekommen. Schreibe mir dazu eine Nachricht auf Instagram!

Und ich habe auch noch einen kleinen Buchtipp für dich, wenn du diese Thema für jüngere Schüler*innen der Primarstufe oder sogar Vorschule nahebringen möchtest. Die Lerntherapeutin, Förderlehrerin und Autorin Natascha Eliason hat das Buch „Sams grüner Daumen“ geschrieben, eine Geschichte über ein Kind, das an sich selbst zweifelt aber durch das Gärtnern mit den Großeltern einen neuen Samen in sich säht.

Eine weitere Idee, das Growth Mindset zusammen mit dem Gärtnern zu verbinden hat eine liebe Kollegin in ihrem Naturwissenschaftsunterricht umgesetzt, als sie mit den Schüler*innen Kresse pflanzte und diesen Prozess im Unterricht begleitete, die Pflanzen beobachtete und fachliche Themen aus der Biologie damit verwob. Die Kresse wurde später zusammen geerntet und auf einem leckeren Butterbrot gegessen. Eine Einheit, die Körper, Geist und Seele verband und sicherlich nachhaltig wirkt.

Für heute finde ich nun ein Ende, aber erzählt doch gerne selbst einmal, ob und wie ihr das Growth Mindset in eurem Leben oder auch im Unterricht in den Fokus rückt und fördert.

Herzliche Grüße

Kirsten 

Authentisch Lehren, lernen & leben

von Mensch zu Mensch

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