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Von der Lehrerin, die aus der Rolle fiel

Hier lese ich den Artikel für dich, falls du lieber zuhören magst:

Wenn ich versuche, eine authentische Lehrkraft zu sein, dann darf ich zuerst einmal meine Rolle als Lehrkraft definieren und mich darin wahrnehmen. Das war bei mir scheinbar unklar, denn bei mir haben sich viele verschiedene Rollen lange Zeit vermischt und ich dachte, aus dieser schönen Melange, ergäbe sich meine authentische Art des Lehrens. Weit gefehlt, denn ich hatte unbewusst Rollen übernommen, sodass ich irgendwann ganz aus der Rolle fiel und meinen inneren Kompass verlor.

Aber fangen wir von Vorne an, denn immerhin waren 20 Jahre als Lehrerin nötig, bei dieser Erkenntnis erstmal anzukommen.

Ich startete mit Rolle als Beobachterin ins Schulsystem, denn als Schülerin 1998 beobachtete ich die verschiedenen Charaktere der Lehrpersonen sehr intensiv und fand dabei meine eigene Meinung, die meistens nicht sehr wohlwollend ausfiel, recht schnell. SO, wollte ich es einmal nicht machen! Die Damen und Herren Lehrer/in erschienen mir sehr weltfremd in feinen Kostümen oder wehenden Mänteln mit Kopien unter dem Arm von 1965.

In meinem Referendariat, zeigte sich mir unerwartet ein anderes Bild. Eigentlich auch schon vorher im Studium, denn eine beeindruckende Professorin (und Mutter von 4 Kindern), die eher unkonventionell, weit gereist und für mich damals überraschend „cool“ ihre Seminare gestaltete, beeinflusste mich dort schon. Auch meine Fachleiterin im Fachbereich Deutsch war eine weltoffene, Diskurs liebende Frau, die häufig provokante, pädagogische Fragen stellte und eine gute Beziehungskultur mit ihren Klassen lebte. Rückblickend beeindruckten mich diese weiblichen Führungspersönlichkeiten darin, wie sie ihre Leidenschaften in ihrem Privatleben lebten und diese auch gezielt und passend in ihrem Hauptberuf einfließen ließen. Es gab immer Anekdoten ihrer Reisen, Kunst- & Literaturvorlieben und eine gute Prise Feminismus. Sie trennten nicht ihre Persönlichkeit vom Lehrkörper ab, wie es mir im Studium einmal nahegelegt wurde. Ich wollte sein wie sie: Eine ganzheitliche Lehrkraft, die auf ihren Erfahrungsschatz zurückgreift und fachlich kompetent, als Leuchtturm pädagogisch die Schüler*innen begleitet. Außerdem zugegebenermaßen umwerfend intelligent und charmant dazu! 😉 Beide dieser meiner Rollenvorbilder hatten übrigens Ehemänner, die Zuhause die Kinder hüteten während die Frauen unterrichteten. Das imponierte mir. Aber ich schweife ab …

ROLLE DER REBELLISCHEN TEENAGERIN

Leider fand ich dann aber in meiner ersten Stelle nach dem Referendariat nicht den Rahmen dazu, denn die stark hierarchisch, patriarchisch geprägte Struktur meiner ersten Schule ließ mir keinen Spielraum, meine schillernde Persönlichkeit einzubringen. Eher nutzte ich diese Bühne und den typisch autoritären Chef mit narzisstischen Zügen, als Spielwiese meiner nicht integrierten inneren, rebellischen Teenagerin. Ich durchlebte mit diesem Chef Konflikte, die ich scheinbar zuvor als 15-Jährige nicht mit meinem eigenen Vater ausgetragen hatte. Das war für beide Seiten sehr unangenehm! Einmal wollte er, dass ich eine Projektleitung übernahm, in einem Bereich, in dem ich überhaupt keine Ahnung hatte. Es hätte für mich bedeutet, andere wichtige, fachspezifische Aufgaben aufzugeben, um mich ganz in eine neue Zusatztätigkeit einzuarbeiten, die mich schlichtweg nicht interessierte. Der Schulleiter fragte mich auch gar nicht, sondern ging davon aus, dass ich natürlich begeistert sein würde, dieses andere Projekt voranzutreiben, nachdem er mich kurz zuvor mit SEHR GUT bewertet hatte. Meine angebliche Projektleitung verkündete er dann der vollen Mannschaft in einer Gesamtkonferenz. Ich meldete mich zu Wort und sagte einfach: „Nein, das mache ich nicht!“. Ich war so überrumpelt, verdattert, dass es mir einfach raus rutschte. DAS war unverzeihlich und nicht mehr aus der Welt zu schaffen.

Nicht nur an dieser Schule fühlte ich mich damals häufiger in einer Rolle, die ich als „ungehörige Teenagerin“ beschreiben würde. Alle Ungerechtigkeiten musste ich aufzeigen, lautstark diskutieren und überall meine Meinung vertreten. Die Schüler*innen fanden mich natürlich ultra cool dafür, wie ich mit meinen indischen Malas und VANS im Schneidersitz auf dem Pult saß im Jahre 2004. Endlich mal eine, die uns versteht. Endlich mal eine, die im Herzen selbst jung geblieben ist. Ja, ich sah nicht nur äußerlich so aus, wie eine von ihnen, ich hatte wirklich mit Mitte 20 meinen inneren Teenager noch nicht integriert. Echt jetzt, ich bin nicht stolz darauf, aber ich verzeihe mir das mal lieber selbst. 😉

MUTTERROLLE

Einige Bücher, Atemübungen, Workshops und Supervisionen weiter zum Thema „Innere Kind Heilung“ wandelte sich meine Rolle.

Ich war nun Mutter geworden und mein Herz unendlich weit und groß. Als ich wieder nach der Elternzeit zurück in die Schule kam, agierte ich häufig aus genau diesem Herzen heraus: Ich sah in all meinen Schüler*innen, meine Kinder – unendliche Potenziale, die nur Liebe und Zuwendung brauchten, um zu wachsen und zu gedeihen. Nun gut, das Oxytocin, dass durch das Stillen meiner 3 Kinder ausgeschüttet wurde und der akute Schlafmangel trugen auch ihren Beitrag zu meiner neuen Rolle als „Mutter der Schulnation“ bei, die ich inbrünstig verkörperte. Ich wollte für UNS Eltern und UNSERE Kinder, das BESTE Schulsystem aller Zeiten erschaffen.

Ich reflektierte das Lehren und das Lernen, machte zusätzlich berufsbegleitend mein Montessori Diplom. Ich hospitierte an unterschiedlichen Schulen in ganz Europa und schrieb eine Abschlussarbeit, die ich anschliessend präsentierte und on top schrieb ich noch nebenher ein komplettes Schulkonzept für eine freie, alternative Naturschule. JEDEM Menschen konnte ich begeistert darlegen, wie DIE OPTIMALE SCHULE aussehen könnte.

Die Mutterschaft gab meinem Idealismus Antrieb! Ich bin in dieser Phase sehr vielen Menschen mit meiner Rolle extrem auf die Nerven gegangen. I feel you (now).

Da draußen (in der bösen Welt) gab es unter meinen Schüler*innen plötzlich ganz viele junge Menschen, die in ihren eigenen Familien keinen Halt oder Verständnis mehr fanden oder keine Familien in diesem Sinne hatten. Sie hängten sich quasi an mich. An manchen Tagen kam ich einfach mit einem IMAGINÄREN, EMOTIONALEN Rucksack von mindestens sieben Kindern nach Hause und ich konnte überhaupt nicht mehr abschalten. Es kamen immer mehr Kinder mit dramatischen, traumatischen Geschichten in die Schulen und ich hätte sie am liebsten ALLE adoptiert. Unrealistisch, nicht machbar – denn da stand ich dann nämlich schon selbst auf der anderen Seite – als Alleinerziehende mit drei jungen Kindern und unter der Doppelbelastung kaum noch aufrecht stehend.

RETTERROLLE & OPFERROLLE

Somit rutschte ich von der Mutterrolle – von der Person, die keine guten Grenzen im Außen setzen konnte – in die Rolle der vermeintlichen Retterin. Ich wollte nicht nur das GANZE System ändern, die Kinder und Jugendlichen darin retten, sondern auch uns Lehrer*innen einen neuen Wirkungsraum schaffen. Ich kam mir teilweise vor wie ein Oktopus und mit jedem Arm jonglierte ich andere soziale, kulturelle, individuelle, diverse Probleme. Irgendwann gelang es mir nicht mehr, all´ diese Bälle aufzufangen.

In einer Nacht rief mich ein Schüler an, in dessen Haus gerade eine Drogenrazzia stattfand. Der Vater hatte in den Kinderzimmern der Geschwister hinter Pokémon Postern in der Wand, Drogen, Waffen und Geld versteckt. Mein Schüler ist in dieser Nacht geflüchtet, er hatte Angst, er müsse gegen seinen Vater als Zeugen aussagen. Er wusste nicht, an wen oder wohin er sich wenden sollte. In meinen Armen schlief gerade ein Baby. Außerdem hatte ich zwei weitere Kleinkinder zu Hause und mein damaliger Mann war über Nacht beruflich unterwegs. Für einen Bruchteil einer Sekunde war ich panisch, überfordert und im Schock gefangen, hilflos. Dann schaltete irgendetwas in mir um und ich wusste, wie ich handeln musste.

Ich kontaktierte sofort den Schulsozialarbeiter, der dann mit dem Jugendamt kommunizierte und übernahm. Der Junge wurde an einen sicheren Ort gebracht. Weitere Experten übernahmen den Fall. Es fühlte sich an, als würden viele Teile, die vorher durcheinander geraten waren, alle wieder an ihren Platz fallen.

In dieser langen, schlaflosen Nacht, ließ ich die Rolle der Retterin los. Ich hatte verstanden, dass ich nur Lehrerin sein konnte, wenn ich professionell und in meiner Rolle als genau diese agierte.

ROLLE DER LEHRERIN

Seitdem konzentriere ich mich darauf, dass ich meine Rolle als Lehrerin wahrnehme. Ich achte darauf, wann ich, welche Experten und Spezialisten hinzu zu ziehen muss. Wenn ich einen Fall an die Schulsozialarbeiterin übergebe, dann vertraue ich, dass sie hier ihre Rolle wahrnimmt und die Schülerin oder der Schüler in guten Händen ist. Ich bin froh, dass wir mittlerweile an meiner derzeitigen Schule, ein Team aus Experten aller Bereiche (Inklusion, Soziale Arbeit, Psychologen, pädagogische Unterstützungskräfte, externe Fachleute) an unserer Seite haben.

Ich muss nicht alles alleine schaffen.

Ich darf abgeben.

Ich darf Aufgaben an andere Teammitglieder abgeben oder teilen, die in manchen Bereichen mehr Erfahrung haben oder freie Kapazitäten. Ich darf auch mit meiner Schulleitung offen kommunizieren. Ich darf Verantwortung abgeben, wenn ich zum Beispiel mit Aufgaben konfrontiert bin, die in einer höheren Entscheidungsinstanz liegen.

Puh, das macht so vieles leichter!

In dem ich die Rolle der Retterin ablegte, gab ich auch gleichzeitig die Opferrolle ab! Ich konnte mich richtig als Opfer in diesem System suhlen, mein Burnout auf das Schulsystem schieben und auf das Versagen einzelner Schulakteure! Aber damit fütterte ich nur ein System, dass sich durch Mangel aufrecht erhält.

Stattdessen konzentriere ich mich JETZT darauf, was da ist, was möglich ist, womit ich täglich einen Unterschied machen kann. Ich versuche jeden Tag die Fülle zu sehen, die wunderbaren Momente mit meinen Schüler*innen oder Kolleg*innen zusammen um mich daran zu freuen. Ich sehe in all´ dem Nebel das Licht und halte dieses hoch für mich und damit auch für die Menschen, mit denen ich arbeite.

ROLLE DER BEOBACHTERIN

In meiner Rolle als Beobachterin bin ich gleichzeitig auch Leuchtturm für die Kinder und Jugendlichen, mit denen ich arbeite und sicherlich auch für einige Kolleg*innen. Ich bin präsent. Ich bereite meinen Unterricht so gut vor, wie es gerade geht. Ich lasse mich auf die Menschen mit denen ich arbeite ein, so wie es gerade, jetzt in diesem Moment passt. Ich gebe mein Bestes und mein Bestes sieht nicht jeden Tag gleich aus. Ich vertraue auf meine Fähigkeiten und auf meine Persönlichkeit. Ich weiß, dass ich eine gute Lehrerin bin, dass ich mein Handwerkszeug verstehe, dass ich wirklich die Liebe zu meinen Fächern und zum Leben in meinem Unterricht ausdrücke und Kompetenzen vermittele. Ich mache Angebote, ich bin Vermittlerin, Zuhörerin und ich beobachte. Wenn ich gefragt werde, dann teile ich meine Beobachtung mit den Menschen, für die es wichtig ist.

Ich merke auch, dass dies genau das ist, was die Schüler*innen von mir erwarten: Eine Lehrerin, die ihre Schüler*innen als Menschen respektiert und sieht.

Sie brauchen in mir keine Retterin, keine Mutter.

Sie wollen in mir kein rebellisches Opfer sehen.

Sie brauchen mich als gute Lehrerin.

Leuchtturm zu sein, diese Präsenz und Orientierung zu bieten in meiner Rolle als Lehrkraft, hilft mir loszulassen, gelassener zu lehren und ganzheitlicher. 

Es entspannt.

Es fühlt sich rund an.

Ich bin aus vielen Rollen gefallen, um nun besser zu stehen.

Hinweis: Beschreibungen, die sich auf einzelne Schüler*innen oder Kolleg*innen beziehen sind nicht auf aktuelle Personen bezogen! In über 20 Schuljahren, in 3 Bundesländern und an 4 Schulformen gab es unzählige Fälle, aus denen ich mit Hinblick auf die Privatsphäre der Personen, einzelne Elemente übernehme und neu zusammensetze.

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